Stockholm Literature 2014 – drei Autoren im Fokus

Beim Literaturfestival 2014 in Stockholm sind auch dieses Mal viele der Gäste für die meisten schwedischen Leser (vielleicht auch für viele europäische Leser) vorwiegend unbekannt. Das Festival findet an einem Wochenende statt und wird ganz nach ”Tradition” am Freitag Abend mit einem Fest eröffnet. Zwölf eingeladene Autoren werden in Gesprächen mit Künstlern und schwedischen Autorenkollegen dem Publikum präsentiert.

Trotz miesem Herbstwetter erscheinen zahlreiche Besucher zum Festival

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Das Festival wird zum zweiten Mal veranstaltet. Wie bei der Prämiere im vergangenen Jahr wurde das Moderne Museum (Moderna Museet) in Stockholm als Veranstaltungsort gewählt. Wer eine Festivalkarte ergattern konnte, hatte wieder die Möglichkeit, zusätzlich die aktuellen Kunstausstellungen zu besuchen. Darüber hinaus wird den Besuchern ein buntes Programm bestehend aus Filmen, Performances, Poesie-Lesungen, Vorlesen für die Kleinen sowie anregende Vorträge und Gespräche geboten. Trotz regenerischem Herbstwetter zieht es zahlreiche Besucher ins Museum und damit auch zum Festival. Organisiert wird Stockholm Literature durch einen ideellen Verein. Die Hauptverantwortlichen für das Programm sind Stefan Ingvarsson und Yukiko Duke.

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Neben bekannten Autoren sind vor allem die noch unbekannten Namen, die den Charakter des Festivals prägen. Das Publikum soll aufgemuntert werden neue und andere Literatur kennen zu lernen. Das einige der teilnehmenden Autoren nicht einmal einen schwedischen Verlag haben und somit noch nicht übersetzt wurden, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Einfach mal was ungewohntes und fremdes lesen, dazu möchte Stockholm Literature inspirieren.

Aminatta Forna, aus Großbritannien, ist eine der Autoren die bisher noch nicht in Schweden veröffentlicht wurden. Das Festival unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den üblichen Buchmessen. Ein Thema wird nicht vorgegeben. Dennoch erkennt der Besucher mit Verlauf des Festivals einen roten Faden. Im vergangenen Jahr debattierte man besonders zu Migration und in diesem Jahr über die Rolle der persönlischen Vergangenheit in der eigenen Gegenwart. Neben einer themafreien Veranstaltung trifft man auch nicht auf Verlage, die um potienzielle Käufer Ihren aktuellen Programme werben. Dies soll den gängigen Messen vorbehalten sein. Literatur und deren Stimmen sollen diskutiert und vorgestellt werden. Da macht es dann auch nichts aus, dass mit Aminatta Forna eine für den schwedischen Buchmarkt unbekannte Autorin zu einem Vortrag eingeladen wird. ”Wir glauben, dass sie eine Stimme ist, sowohl als Autorin als auch als Intellektuelle, welche für die schwedische Literaturdebatte gebraucht wird”, meint Stefan Ingvarsson in einem Artikel in Västerbottens-Kuriren.

Aminatta Forna möchte keine Kategorisierung von Büchern

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Aminatta Fornas Vortrag mit dem Titel Don’t judge a book by it’s author ist ohne Zweifel ein gelungener Start des Festivals. Als schottische Autorin mit Wurzeln in Sierra Leone spricht sie von der Schwierigkeit der vom Buchhandel vorgegebenen Schubladen. Forna sowie viele Ihrer teilnehmenden Kollegen passen in keine dieser Schubladen. Dass ihr zuletzt erschienener Roman The Hired Man aus 2013 sich auch noch in Kroatien abspielt, erschwert darüber hinaus die Kategorisierung Ihres Werks. Gehört Ihr Buch nun unter englische, afrikanische Literatur oder gar zur Balkanliteratur? Aminatta Forna möchte angehenden Schriftstellern eines besonders deutlich machen: “Schreibe was du magst. Und schreibe es gut.” Gute Literatur lässt sich von der Kategoriesierung des Buchmarktes nicht beeinflussen. Einen Wunsch hat die selbstbewusste und smarte Autorin und findet beim anwesenden Publikum Begeisterung und Zustimmung. Bücher im Laden zu finden wäre laut Forna viel einfacher, wenn es keine Regale mit Kategorien gäbe – wie etwa Frauenliteratur, afrikanische Literatur und so weiter. Stattdessen ist die Sortierung nach alphabtischer Ordnung frei von Wertung und Beurteilung. Das Publikum stimmt der Autorin mit ausgiebigen Applaus zu.

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Zwei Autoren im Gespräch – bei “riskanten” Themen ist man sich uneinig

Wenn eine schwedische Autorin und ein süd-afrikanischer Autor sich zu einem Gespräch treffen, dann verspricht dies interessante Perspektiven. Die Theologin Elisabeth Hjorth debutierte mit Ihrem Gedichtband Kärnfamiljen (zu Deutsch: Die Kernfamilie) und hat seitdem zwei Romane veröffentlicht Hängivelsen sowie Vid himlens början. Nun stellt sie dem jungen und noch in Schweden unbekannten Nthikeng Mohlele tiefgründige Fragen. Es geht dabei nicht nur um sein Werk. Stattdessen werden Themen wie die Politik in Südafrika und Frauen angeschnitten. Die Gedankengänge von Mohlele sind für das Publikum sehr interessant. Er kommt aus einer armen Gegend in Johannisburg und bewundert wie so viele schwarze Südafrikaner den verstorbenen Nelson Mandela. Sein nun auch in Schweden erschienener Titel Small Things handelt nicht ganz ohne Zufall von einem jungen Mann der während der Apartheid für 18 Jahre im Gefängnis saß.

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In seinen drei veröffentlichten Büchern spielen auch verrückte und beängstigende weibliche Charaktäre eine Rolle. Dazu möchte Elisabeth Hjorth mehr erfahren und fragt den Autorenkollegen direkt, warum er sich für solche verrückten Frauenbilder entschieden hat. “Du kannst nicht sagen…in einem Raum voller Menschen…dass Frauen verrückt sind”, antwortet Nthikeng Mohlele mit einem Schmunzeln auf diese gefährliche Frage. Das Publikum ist vorwiegend weiblich. Als Mohlele mit einem Beispiel aus seinem Leben die Unterschiede zwischen Mann und Frau zu verdeutlichen versucht, lenkt Elisabeth Hjorth das Gespräch in eine andere Richtung. “Oh, nun bin ich nicht so richtig mit dir einverstanden”, so die Autorin. Gerade in der schwedischen Hauptstadt ist man im Vergleich zu anderen Ländern sehr emanzipiert. Das geht dann eben auch soweit, dass nicht nur der Wunsch für Gleichberechtigung besteht, sondern auch die Betonung darauf, dass es zwischen den Geschlechtern so gut wie keine Unterschiede gibt oder gemacht werden.

Es ist daher gut, dass das leidige Geschlechterthema durch andere Themen abgelöst wird. So besprechen die beiden unter anderem Schönheit, Menschlichkeit, die sorgfältige Wahl von Wörtern und den Begriff Zivilisation. “Atombomben wie in Hiroshima gehören auch zur Zivilisation. Das finde ich nicht gut. Daher ist Zivilisation ein recht relatives Konzept”, sagt Mohlele und überrascht immer wieder mit Gedanken dieser Art.

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Bei seiner Lesung am frühen Mittag war es Nthikeng Mohlele noch kalt. Die Mütze blieb daher vorerst auf.

 

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Mithilfe von Post-its waren alle Widmungen fehlerfrei. Mohleles Agent lies die Leser ihre Namen notieren, sodass der Autor diese lediglich abschreiben brauchte.

Von China nach Kanada – Ying Chen schreibt auf Französisch

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Dass einen die Vergangenheit begleitet und besonders die Kreativität der Gegenwart beeinflusst, dem sind sich die chinesisch-kanadische Autorin Ying Chen und die türkisch-schwedische Künstlerin Meriç Algün Ringborg einig. Die junge Künstlerin begleitet das Festival mit einer Austellung, bei der sie Ihre eigene Migration thematisiert. Besonders Sprache liegt ihr am Herzen. Mit einer Sammlung von Wörtern die sowohl auf Türkisch als auch auf Schwedisch identisch sind (Bedeutung und Schreibweise) macht sie auf Gemeinsamkeiten der beiden Kulturen aufmerksam.

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Meriç Algün Ringborg erläutert Ihre Kunst dem anwesenden Publikum und gibt das Wort an Ying Chen ab. Diese wirkt entspannt und doch voller Leidenschaft, während sie von ihren Literatur erzählt. Ihre Geschichten sind skurril. Da muss auch so mancher Besucher einfach lachen. Eine Frau die ihren Mann verlässt und als Katze zurückkommt, klingt schlichtweg komisch. Als Chen auch noch darauf besteht, dass in dieser Geschichte die Beziehung zwischen Mann und Frau (nun als Katze) besser geworden ist, da kauft man ihr das gerne ab. Chen schreibt viele solcher absurden Geschichten und folgt damit einiger ihrer asiatischen Kollegen. Auf Chinesisch schreibt sie allerdings nicht. Stattdessen ist Französisch ihre Autorensprache. Ihre Muttersprache ist es nicht. Nein. Sie hat Französisch erst als Erwachsene gelernt. Vom Publikum wird Ying Chen gefragt, ob sie nicht mal auf Chinesisch schreiben möchte. “Das mache ich auch! Meine Werke lasse ich nicht von jemanden Fremden ins Chinesische übersetzen. Das mache ich lieber selbst”, sagt die in Kanada lebende Chen.

 

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Zum Thema Bücher kann Meriç Algün Ringborg auch mitreden und erwähnt ganz neben bei, ja fast zum Schluss, ihr Kunstprojekt Library of Unborrowed Books aus 2012. Hier stellte sie literäre Werke aus, welche in Stockholms Stadsbibliotek nicht ausgeliehen wurden.

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Meriç Algün Ringborg, The Library of Unborrowed Books, Section I: Stockholms Stadsbibliotek (Stockholm Public Library), 2012 at Konstakademien, Stockholm. Fotos: Jean-Baptiste Béranger.

 

Weitere Begegnungen und Eindrücke bei Stockholm Literature

Populär am Samtag war besonders eine Signierstunde – die  des kolumbianischen Autoren Juan Gabriel Vásquez. Charmant unterhält er sich mit den Besucher und nimmt sich ganz viel Zeit für diejenigen, die in direkt mit Spanisch ansprechen.

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Die Lesung der dänischen Autorin Josefine Klougart wird von der schwedischen Theater- und Fernsehschaupielerin Julia Dufvenius begleitet. Abwechselnd werden Passagen auf Dänisch und Schwedisch vorgetragen. Ganz behutsam gehen die beiden Damen mit den Texten um und blicken einander immer wieder mit einem wärmenden Lächeln an, wenn Sie einander ablösen. Die beiden scheinen sehr vertraut mit einander. Genau das macht die Lesung so wunderbar intim.

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Samar Yazbek aus Syrien lebt im Exil in Paris. Gerne bricht sie mit Tabus in ihren Romanen. Nach einigen renomierten Literaturpreisen in etwa Schweden und Großbritannien war ihre Lesung nicht nur beim allgemeinen Publikum beliebt. Auch Elisabeth Grate (in den unteren Fotos mit Schal und Bücherohrringen) möchte eine kurzes Wort mit der Autorin. Wenigen Besuchern fällt dabei auf, dass hier zwei einflussreiche Frauen miteinander reden. Elisabeth Grate ist in Schweden nämlich keine Unbekannte. Sie gründete 2002 einen Buchverlag, der Ihren Namen trägt. Damit erfüllte sie sich den Traum vorwiegend französischsprachige Literatur, wie etwa von Ying Chen, in Schweden herauszubringen. Ihr bisher größter Erfolg ist die diesjährige Verleihung des Nobelpreises an Ihren Schützling Patrick Modiano. Dieser wird in Schweden über ihren Verlag publiziert. Und so erhält mit ihr das Festival ein zarten Glanz des renomierten Nobelpreises.

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Am Ende dieses literären sowie kulturellen Wochenendes bleibt neben neuen Gedanken und Meinungen noch eines übrig – mit den erworbenen Büchern nach Hause gehen und diese lesen. Auch in diesem Jahr war das Festival ein gelungener Erfolg. Und so sehnt man sich gerne nach einer dritten Auflage des bereits beliebten Stockholm Literature Festivals.

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Bei Hjördis sind folgende drei Titel im Regal eingezogen:

Ying Chen – Den Otacksamma (Originaltitel: L’ingratitude)

Nthikeng Mohlele – Joburg Blues (Originaltitel: Small Things, über Amazon hier bestellbar)

Aminatta Forna – The Memory of Love (über Amazon hier bestellbar)

Von Aminatta Forna ist The Memory of Love auch auf Deutsch erschienen – unter dem Titel Ein Lied aus der Vergangenheit: Roman.

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